Gender-Medizin und ihre Wichtigkeit

Neugierde

Eine männliche, eine weibliche Porzellan Figur mit Markierungen, wo Nervenbahnen entlang laufen

Gender-Medizin und ihre Wichtigkeit

Der Begriff „Gender-Medizin“ ist im Vergleich zu anderen medizinischen Fachrichtungen noch nicht allzu lange bekannt – obwohl der dahinterliegende Forschungsbereich sehr wichtig ist! Man könnte diesen Begriff auch mit „Geschlechterspezifische Medizin“ übersetzen. Hierbei geht es darum, dass die biologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen in der Medizin besonders beachtet werden. Denn Unterschiede gibt es nicht nur in den Genen zwischen Frau und Mann, sondern auch in der Anatomie, Physiologie oder auch den Symptomen, die mit verschiedenen Erkrankungen einhergehen. Dies kann dazu führen, dass sich Medikamente in ihren Wirkungsweisen bei Männern und Frauen unterscheiden, Behandlungsmethoden anders wirken können oder Männer unterschiedlich häufig von bestimmten Erkrankungen betroffen sind. Die Gender-Medizin begann in den 1970er und 1980er Jahren, wo die Unterschiede, die medizinisch relevant erschienen, erstmals wissenschaftlich diskutiert wurden. Trotzdem werden seitdem nur in wenigen wissenschaftlichen Studien eine repräsentative Gruppe von Frauen mit einbezogen.

Einen Unterschied zwischen Mann und Frau kann man beispielsweise bei einem Herzinfarkt sehen: Frauen erleiden seltener Herzinfarkte als Männer, jedoch verlaufen sie häufiger tödlich. Denn oft werden sie nicht rechtzeitig behandelt oder auftretende Symptome unterschätzt bzw. nicht erkannt. Typische Symptome, die bei einer Frau häufiger auftreten als bei Männern sind zum Beispiel Atemnot, Rückenschmerzen und kalter Schweiß. Zudem gibt es „frauenspezifische Risikofaktoren“ für Herzkreislauferkrankungen – z.B. hormonelle und physiologische Veränderungen des Körpers durch eine Schwangerschaft oder hormonelle Veränderungen während der Wechseljahre.

Ein weiteres Beispiel sind psychische Erkrankungen. Frauen sind zwar laut Studien häufiger betroffen, bei Männern werden psychische Erkrankungen jedoch häufig „übersehen“ oder abgetan, weil diese als etwas betrachtet werden, die „typisch“ für Frauen sind. Auch sind Frauen häufiger von Autoimmunerkrankungen betroffen, was laut der Wissenschaft vermutlich an einer generell stärkeren Antwort des Immunsystems liegt. Bei Diabetes gibt es ebenfalls Unterschiede zwischen den Geschlechtern, insbesondere wenn es um die Behandlung geht.

Diese Beispiele zeigen, wie unterschiedlich wir alle sind und dass demnach unsere Gesundheit auch differenziert betrachtet werden muss. Bisher wurde in der Medizin der männliche Körper als „Prototyp“ gesehen, Medikamente fast nur an männlichen Mäusen und später an Männern getestet. Neue Behandlungs- und Therapiemethoden wurden auch vor allem an männlichen Probanden angewendet. Das kann unter anderem dran liegen, dass sich der weibliche Hormonzyklus von dem männlichen stark unterschiedet und dadurch eine Beeinflussung der Studienergebnisse wahrscheinlicher ist.

Genau das ist jedoch problematisch! Ein Medikament gegen Bluthochdruck, welches ein Risikofaktor für Schlaganfall ist, kann bei Männern in der gleichen Dosierung ganz anders wirken als bei Frauen. Die Gender-Medizin versucht also, diese Probleme zu reduzieren, indem sie die verschiedenen, vom jeweiligen Geschlecht abhängigen Einflussfaktoren bei der Diagnose, Behandlung und Therapie berücksichtigt.

Tatsächlich profitieren von der geschlechterspezifischen Medizin alle Menschen, da durch sie Unterschiede besser wahrgenommen werden können und entsprechende Therapiemaßnahmen speziell angepasst werden.

Quellen:

Kautzky-Willer, A. (2014). Gendermedizin. Bundesgesundheitsblatt-Gesundheitsforschung-Gesundheitsschutz, 57(9), 1022-1030.

Kindler-Röhrborn, A., & Pfleiderer, B. (2012). Gendermedizin–Modewort oder Notwendigkeit?–Die Rolle des Geschlechts in der Medizin. XX Die Zeitschrift für Frauen in der Medizin, 1(03), 146-152.

https://www.dgesgm.de/

Tschaftary, A., & Oertelt-Prigione, S. (2014). Geschlechterunterschiede in der kardiovaskulären Prävention. DMW-Deutsche Medizinische Wochenschrift, 139(49), 2541-2545.

Oertelt-Prigione, S., & Hiltner, S. (2019). Medizin: Gendermedizin im Spannungsfeld zwischen Zukunft und Tradition. In Handbuch Interdisziplinäre Geschlechterforschung (pp. 741-750). Springer VS, Wiesbaden.